Friedhöfe erfüllen in urbanen Räumen eine vielfältige Rolle, die über ihre primäre Funktion als letzte Ruhestätte hinausgeht. Sie tragen wesentlich zur innerstädtischen Biodiversität bei und beeinflussen das Mikroklima positiv. Zwei wegweisende Projekte in Bonn, „Lebensstätte Friedhof“ und „Vielfalt in der Stille“, haben sich zum Ziel gesetzt, dieses ökologische Potenzial zu erforschen und durch gezielte Maßnahmen zu fördern. Im Fokus steht dabei die Transformation von Rasenflächen in artenreiche Blühwiesen mithilfe von zertifiziertem Regiosaatgut, was nicht nur die Artenvielfalt steigert, sondern auch neue Perspektiven für die Nutzung freigewordener Flächen eröffnet.
Neben ihrer traditionellen Bestimmung als Grabstätten sind Friedhöfe zunehmend als Orte der Erholung und als wichtige Faktoren für ein ausgeglichenes Stadtklima anerkannt. Ihr oft jahrhundertealtes Bestehen und die charakteristischen Bestände an Bäumen, Kapellen, Gräbern und Mauern machen sie zu dauerhaften Lebensräumen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, darunter Vögel, Fledermäuse, Bilche und diverse Gefäßpflanzen. Eine fachkundige Pflege dieser Grünanlagen kann somit zur Erhaltung vielfältiger Habitatstrukturen beitragen und die Bedeutung von Friedhöfen als urbane Zentren der Biodiversität erhöhen.
Die Größe dieser Flächen ist beträchtlich: Allein in Nordrhein-Westfalen umfassen über 3.300 Friedhöfe eine Gesamtfläche von über 9.500 Hektar. Dies entspricht der Fläche eines typischen Nationalparks. Die einzelnen Friedhöfe variieren dabei stark in ihrer Größe, von wenigen hundert Quadratmetern bis zu 100 Hektar, mit einem Durchschnitt von etwa drei Hektar.
Der Wandel in der Bestattungskultur, mit einem Rückgang von Erdbestattungen, kürzeren Grabliegezeiten und einer Zunahme von Urnen- und Friedwaldbeisetzungen, führt dazu, dass auf vielen Friedhöfen erhebliche Flächen ungenutzt bleiben. Diese sogenannten Überhangflächen bieten eine einzigartige Gelegenheit für Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität. Friedhöfe stehen hierbei im Spannungsfeld zwischen der Bewahrung der Bestattungskultur, den Anforderungen des Denkmalschutzes, der Funktion als Erholungsraum und dem öffentlichen Wunsch nach naturnaher Gestaltung und ökologischer Pflege. Gleichzeitig sehen sich viele Kommunen und ihre Grünflächenämter mit finanziellem Druck konfrontiert, die Pflege der Friedhofsflächen sicherzustellen. Der Trend zu einer umweltfreundlicheren Pflege ohne Dünger und Pestizide schafft dabei Synergien mit dem Natur- und Artenschutz.
Die Stadt Bonn hat das ökologische Potenzial ihrer Friedhöfe frühzeitig erkannt. Vor über einem Jahrzehnt wurde beschlossen, die 40 städtischen Friedhöfe mit über 100 Hektar Gesamtfläche dauerhaft als Grünflächen zu erhalten und nicht zu bebauen. Basierend auf dieser Entscheidung wurden die Modellprojekte „Lebensstätte Friedhof“ und „Vielfalt in der Stille“ ins Leben gerufen, eine Kooperation zwischen dem Bonner Grünflächenamt und der Biologischen Station Bonn/Rhein-Erft e. V., unterstützt durch den Landschaftsverband Rheinland (LVR). Zwischen 2019 und 2026 werden auf einem Großteil der Bonner Friedhöfe verschiedene Maßnahmen umgesetzt, darunter:
Vom Zierrasen zur Blühwiese mit regionalem Saatgut
Eine zentrale Maßnahme ist die Umwandlung von intensiv gemähten Rasenflächen in artenreiche Blühwiesen unter Verwendung von Regiosaatgut. Dieser Ansatz lässt sich auf vielen Friedhöfen erfolgreich umsetzen und zielt darauf ab, vielfältige Flächen mit typischen Wiesenarten wie Margeriten, Flockenblumen, Johanniskraut, Malven oder Schafgarben zu schaffen. Zertifiziertes Regiosaatgut enthält Wildformen dieser heimischen Kräuter, die optimal an das lokale Klima, die Böden und die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Region angepasst sind. Diese meist mehrjährigen Arten etablieren sich bei fachgerechter Aussaat dauerhaft und bieten wertvolle Nahrungsquellen für Insekten und ihre Larven.
Obwohl Mischungen aus kräuterreichem Regiosaatgut oft teurer sind als Blühmischungen mit Kulturarten oder nicht-heimischen Kräutern, bieten sie bei richtiger Anlage und Pflege langfristig einen hohen ökologischen Mehrwert und eine dauerhaft prächtige Blütenpracht. Für nährstoffreiche Böden eignen sich spezielle Fettwiesenmischungen, während für magere oder feuchte Standorte angepasste Varianten erhältlich sind. Eine überwiegend sonnige Lage ist dabei entscheidend. Auf Friedhöfen kommen häufig grasfreie Mischungen mit 100 Prozent Kräutern zum Einsatz, um von Anfang an ein reiches Blütenangebot zu gewährleisten. Alternativ können zur Kostensenkung Mischungen mit bis zu 50 Prozent Grasanteil verwendet werden.
Die Anlage der Blühflächen beginnt mit der Vorbereitung eines feinkrümeligen Saatbetts durch mehrfaches Fräsen. Das Saatgut, je nach Mischung 1 bis 3 Gramm pro Quadratmeter, wird mit Sand vermischt, gleichmäßig von Hand ausgebracht und angewalzt. Da einige Arten Lichtkeimer sind, darf das Saatgut nicht eingearbeitet werden. Die ideale Aussaatzeit ist im Herbst (Mitte August bis Mitte Oktober), wobei auch eine Frühjahrsaussaat möglich ist, die jedoch anfälliger für Trockenheit sein kann.
Je nach Unkrautvorkommen, beispielsweise durch Weißen Gänsefuß oder Ackerkratzdistel, kann nach sechs bis acht Wochen ein einmaliger Schröpfschnitt notwendig sein. Reguläre Mähtermine liegen zwischen Ende Mai und Mitte Juni sowie im Spätsommer oder Herbst, um die Flächen kurzrasig in den Winter zu bringen. In den ersten Jahren empfiehlt sich eine zweimalige Mahd pro Jahr, um Nährstoffe zu entziehen und Gräser zurückzudrängen. Ab dem vierten Jahr kann der erste Schnitt auf Mitte Juni bis Ende Juli verschoben werden. Die Variation der Mähtermine fördert die Artenvielfalt. Das Mähgut wird grundsätzlich entfernt, wobei Teilflächen (etwa 20 bis 30 Prozent der Fläche) als Rückzugsräume für Kleintiere stehen bleiben sollten. Tierfreundliche Balkenmähwerke sind für die Mahd besonders geeignet. Bei fachgerechter Umsetzung entstehen über die Jahre arten- und blütenreiche Bestände mit Wuchshöhen von 50 bis 120 Zentimetern. Zur ästhetischen Integration in das Friedhofsbild empfiehlt sich ein etwa 50 Zentimeter breiter, kurz gehaltener Rand entlang der Flächen.
Diese Maßnahmen können auf vielen anderen Friedhöfen in Deutschland übertragen werden, sofern die Standortbedingungen passend sind und eine langfristige Pflege gewährleistet ist. Mit fachlicher Anleitung kann ein Großteil der Arbeiten auch vom Friedhofspersonal oder von Friedhofsgärtnereien durchgeführt werden. Spezielle Artenschutzmaßnahmen, wie etwa für Gartenschläfer oder Hirschkäfer, sind nur dort sinnvoll, wo diese Arten tatsächlich vorkommen. Maßnahmen für Fledermäuse sollten stets in Absprache mit lokalen Experten erfolgen. Grundlegend ist es, den Ausgangszustand und die Besonderheiten jedes Friedhofs genau zu kennen, um passende Maßnahmen auszuwählen. Dabei gilt es, einen Ausgleich zwischen den Anforderungen des Bestattungsbetriebs, denkmalschutzrechtlichen Vorgaben, dem Wunsch nach einem gepflegten Erscheinungsbild und dem Ziel einer hohen Artenvielfalt zu finden. Ebenso wichtig ist die frühzeitige Einbindung der Friedhofsmitarbeitenden, da sie für die dauerhafte Pflege verantwortlich sind.